Die Begegnung mit dem Selbst: Atman-Ausstellung Berlin – (Teil 2)

Wo war denn nun der Atman? zu Teil 1

Als ich auf die Straße ging wurde ich vom Sonnenlicht geblendet. Verschiedene Reize flossen von außen auf mich zu: Da waren Musik, Menschen, Gespräche, Lachen, Motorengeräusche, das Klicken eines Fahrradschlosses, Hupen, Klingeln, Alkoholgeruch, Tanzgeräusche und vieles mehr.  Sie prallten mit so einer Wucht auf mich ein, dass ich gar nicht wusste wo ich zuerst hinsehen, hören, fühlen, riechen sollte. Mir wurde in der Sonne kalt und ich bekam eine Gänsehaut. Stress kam in mir hoch und ich merkte, dass ich den Reizen entfliehen wollte.

In meinem Auto lehnte ich mich zurück und atmete tief ein und aus. Umgeben von einem Raum, der ein Teil der Reize vor mir abschirmte, gewöhnte ich mich wieder an das, was um mich herum an Sinnesreizen vorhanden war. Ein Mann ging an mir vorbei und ich merkte, wie ich ihm ins Gesicht starrte. Ich konzentrierte mich für ein paar Sekunden ausschließlich auf sein Gesicht, nahm die feinen Strukturen seiner Falten, seine Nachdenklichkeit, seine gelangweilten Augen war. Für diesen Moment verschwamm alles weitere seines Körpers, nur das Gesicht entging meiner Wahrnehmung nicht.

Pro Tag nehmen wir einen minimalen Prozentsatz der Reize wahr die auf uns einströmen. Äußere Reize, wie Begegnung mit Menschen, Lärm, unerwartete Ereignisse, Zufälle, Farben, usw. werden von inneren Reizen, wie Gedanken, Träume, Gefühle, Schmerzen, Hunger, Durst, Empfindungen, usw. ergänzt. Einerseits benötigen wir Reize, um gesund und aktiv zu sein, andererseits kann eine Überreizung zu Stress, Nervosität, Müdigkeit, Überforderung… führen. Unser Körpersystem ist so ausgelegt, dass es durch Körpersignale immer wieder versucht ein Gleichgewicht diesbezüglich herzustellen.  Werden die äußeren Reize bewusst reduziert, so kann sich das System mehr auf das konzentrieren, was im Inneren passiert.

Der Raum, in dem die Ausstellung stattfindet ist dunkel und von jeglichen äußeren Reizen abgegrenzt. Durch die Reduzierung der äußeren Reize, konzentriert sich mein ganzes System einzig und allein auf die beleuchteten Bilder. Die Konzentration des Körpers geht so mehr nach Innen und ich als Betrachter, bin mehr auf mich selbst fokussiert, als auf das, was im Außen passiert. Die Bilder funktionieren als Trigger und stoßen die inneren Reize an. Sie erhöhen die Schwingungen im Körper. Dadurch können noch nicht verarbeitete Schattenanteile an Stärke gewinnen.

Durch unsere Lebenserfahrung haben wir eine eingeschränkte Sichtweise auf die Welt. Zwei Menschen die ein und dasselbe Bild betrachten, werden eine kleine Schnittmenge in ihrem Fokus haben und so das Bild, vielleicht nur in Nuancen, anders beschreiben. Vielleicht aber auch eine sehr ähnliche Betrachtungsweise haben und Ähnliches sehen. Auch die Gefühle, die jeder Betrachter des Bildes in diesen Augenblick hat, werden unterschiedlicher Natur sein. Je nachdem, ob der Trigger, der von diesen Bild ausgeht positiv, negativ oder neutral für den Betrachter ist. Je nachdem, was der Trigger der von dem Bild ausgeht, in unserem Inneren anstößt.

Durch die Reduzierung der äußeren Reize in der Ausstellung, werden wir dazu „aufgefordert“ uns auf das Bild bzw. auf uns selbst zu konzentrieren. Das Stillschweigen, die Dunkelheit und der Weihrauch tragen dazu bei, die inneren Reize stärker wahrzunehmen. Alles das, was uns im Alltag eher ablenkt, wird auf ein Minimum reduziert. All das, was wir im Inneren unterdrücken, bekommt ein Mehr an Bedeutung. Das Außen ist unser Spiegel von dem was wir im Inneren sind und somit das Werkzeug, um das Innere zu entdecken – und ich entdeckte viel.

Die Angst, die gefühlt werden wollte, eine unglaubliche Stärke, sich der Angst zu stellen, Neugier, auf das was mit/in mir passierte, Verletzlichkeit, durch zu starke Abhängigkeit im Außen, Arroganz als Distanz zum Bild aus Unsicherheit, Sensibilität in dem was ich in den Gesichtern sah, Leidenschaft und Hingabe an das was in meinem Inneren passierte. All das sah ich im Nachgang in den linken und rechten Gesichtshälften, als ich die Angst durch das Fühlen neutralisierte.

Auf der Suche nach dem Atman in den Bildern bin ich mir selbst begegnet. Ich hatte eines der schönsten Rendevouz mit mir Selbst, in dem ich mich bewusst wahrnahm und fühlte. Erst durch das Fühlen der Angst konnte ich mich selbst in den Bildern bewusst sehen. Müdigkeit, Verletzlichkeit, Angst, Arroganz, Witz, Lebensfreude, Sensibilität, Weisheit, Zartheit, Leidenschaft, Hingabe und vieles mehr, sind in einer einzigartigen Kombination in mir/uns Menschen vorhanden. Die Bilder „spüren“ das und geben dem Betrachter genau das an Geschenk mit, welches für ihn im Jetzt eine Bedeutung hat. Der Mut dies bewusst wahrzunehmen, lässt Veränderung in uns zu.

Noch viele Menschen gingen an diesen Tag an mir vorbei. Schritt für Schritt merkte ich, dass meine Konzentration auf die Gesichter langsam verschwommen. Auch andere Reize kamen wieder in den Fokus der Betrachtung. Der Alltag hatte mich nach kurzer Zeit wieder eingeholt. Ich zauberte von Innen nach Außen ein Lächeln auf mein Gesicht und ging mit meinem Atman Hand in Hand weiter. Ich wünsche mir von Herzen, dass noch mehr Menschen ihrem Atman begegnen und Veränderungen in sich zulassen – denn das verändert unsere Welt.

Das Foto zu diesem Artikel wird in der Atman-Ausstellung in Berlin gezeigt und wurde mir freundlicherweise von Bernd Kolb und Christian Körner zur Verfügung gestellt. Das Foto unterliegt dem Copyright der old wisdom GmbH.

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